Seit Donnerstag gibt es in Österreich eine umfassende NGO- und ExpertInnenplattform gegen Ausbeutung und Menschenhandel. Die OrganisatorInnen kennen die kriminellen Strukturen dahinter gut und sehen dringenden Handlungsbedarf.

„Frauenhandel aufgeflogen: 150 Opfer aus China.“ Diese Schlagzeile prangerte im November 2016 von den Chronikseiten österreichischer Tageszeitungen. Die Frauen waren nach Polizeiangaben mit dem Versprechen angeworben worden, in Europa als Masseurinnen oder Kindermädchen arbeiten zu können. Doch die Realität war eine andere: die Frauen, die bereits tausende Euro an die Täter gezahlt hatten, wurden von den chinesischen Männern kontrolliert und finanziell ausgebeutet – und dazu gezwungen, sich zu prostituieren.

Es sind Frauen, die keiner sieht. Die keiner sehen will. Jene, die in den Bordellen und auf den Straßen dieser Stadt arbeiten, um ihre Körper zu verkaufen. In den meisten Fällen machen sie das nicht freiwillig, ihre Hintermänner – und auch Frauen, die von Opfern zu Täterinnen wurden – sind ständig an ihrer Seite. Und darunter befinden sich auch jene Frauen, die gehandelt werden. Es sind Schicksale, vor denen wir alle ganz fest die Augen verschließen, weil sie uns zu weit weg erscheinen. Dabei passieren sie vor unserer Tür: Vergewaltigungen, Ausbeutung, absolute Kontrolle über das Leben und die Psyche dieser Frauen.

Die (un-)sichtbare Welt des Frauenhandels

Etwa 95 Prozent der in Bordellbetrieben und am Wiener Straßenstrich tätigen Frauen sind Migrantinnen. Die größte Gruppe der Betroffenen sind rumänische Frauen, danach Ungarinnen und bereits an dritter Stelle: Chinesinnen. „Früher waren es Nigerianerinnen“, sagt die Streetworkerin Anna K*, die anonym bleiben möchte. Sie weiß: „Es gibt keinen Job, der so sehr mit dem kriminellen Umfeld zu tun hat wie Prostitution.“

In der österreichischen Hauptstadt gibt es 330 Lokale, in denen sexuelle Dienstleistungen angeboten werden. Und in fast allen davon sind Streetworkerinnen wie Anna K. aktiv, die den Frauen neben gratis Kondomen vor allem Hoffnung geben. Hoffnung auf einen Ausstieg. Sollten sie sich dann nach langer, oft jahrelanger, Vertrauensarbeit dazu entscheiden, auszusteigen, werden sie unter anderem dabei unterstützt, einen Job und eine Unterkunft zu finden. Auf den Straßen sind die Streetworkerinnen kaum noch unterwegs. Schließlich gibt es nur noch zwei legale Straßenstrichs in Wien. Dort fahren sie mit einem VW-Bus vorbei, in dem die Frauen heiße Getränke, Kondome und Süßigkeiten erhalten. Einmal hat Anna K. zwei Frauen am Strich getroffen, die sie gefragt haben, in welcher Stadt sie sich gerade befinden. „Die haben wir auch nie wieder gesehen. Aber klar ist, die wurden da hingestellt.“

Viel Aufholbedarf beim Opferschutz

Das heißt: Opfer von Menschenhandel können die NGOs gut identifizieren – und genau das ist eine der zentralen Forderungen der neuen Plattform gegen Ausbeutung und Menschenhandel, die am 19. Jänner 2017 an die Öffentlichkeit ging. Denn: solange die Betroffene keine Aussage bei der Polizei macht, ist sie offiziell kein Opfer von Menschenhandel – und sie hat dann keine Rechte, die einem Opfer von Menschenhandel zustehen. Deshalb sollte auch das Urteil der NGOs, die die Frauen betreuen, miteinbezogen werden, fordert die Plattform.

 

Katharina Beclin, Kriminologin und Koordinatorin der Plattform, weiß: „Aufenthaltsrecht und finanzielle Unterstützung wird nur jenen Opfern gewährt, die bereit sind, in einem Strafverfahren auszusagen, obwohl allen mit der Materie Vertrauten klar sein sollte, dass gerade die am schwersten traumatisierten Opfer vor Anzeigen und Zeugenaussagen zurückschrecken.“ Die Opfer bräuchten ein garantiertes und bleibendes Aufenthaltsrecht – nicht nur bis zum Ende des Verfahrens, um Mut zu fassen und sich sicher zu fühlen.

„Man glaubt oft man ist in einem schlechten Mafia-Film“

Die Sozialarbeiterin Anna K. kennt das System Menschenhandel sehr gut: „Es ist ein Netzwerk, in dem die Frauen drinnen stecken. Oft kommen viele aus der gleichen Gegend. Dann hat sie von ihrer Freundin gehört, dass sie in Österreich schnell Geld machen kann, wusste vielleicht sogar von der Prostitution – hatte aber natürlich keine Ahnung von den tatsächlichen Bedingungen. Oft sind die Männer, die in der Regel Frauen begleiten, miteinander verwandt und kommen aus derselben Stadt. Man glaubt oft man ist in einem schlechten Mafia-Film.“

Frauenhandel habe aber auch Auswirkungen auf jene, die die Frauen zurücklassen. Die Migration führt dazu, dass es Scharen von Kindern gibt, die ohne Eltern aufwachsen. „Die Mütter kommen dann alle paar Monate nachhause und die ganze Beziehung ist auf Materialismus aufgebaut“, weiß die Sozialarbeiterin. „Ich erinnere mich an eine Frau, die gesagt hat: ,Mein größter Zuhälter ist mein Sohn, er ist mittlerweile 10 Jahre alt, und der hält nur die Hand auf.‘ Letztens hat er ihr 500 Euro geklaut und die waren am gleichen Tag ausgegeben. Das sind gesellschaftliche Langzeitfolgen, die wir auch sehen müssen.“

Einen „normalen“ Arbeitsalltag kennen die Frauen nicht

Es gibt aber auch jene, die aus den Strukturen ausbrechen – und die brauchen erst einmal einen neuen Job. Doch der berufliche Neuanfang gestaltet sich dabei sehr schwierig, wie Andrea Staudenherz, die 2015 den Verein „Hope for the Future“, der Menschen in Prostitution bzw. von Menschenhandel betroffenen Personen beim Wiedereinstieg unterstützt, gegründet hat, weiß: „Wir reden von Menschen, die immer wieder vergewaltigt und sexuell missbraucht worden sind, viele bereits das erste Mal als Kind von einem Verwandten oder Freund der Familie.“ Das führe später oft zu psychischen Problemen, Alkohol- oder Drogenmissbrauch. „Ein Großteil kann die Sprache nicht. Speziell in kleinen Studios sind die Frauen oft Non-Stop in der Arbeit. Sie haben keinen Tagesrhythmus. Die ganzen sozialen Komponenten, die der Arbeitsmarkt einfordert – dass du pünktlich kommst, regelmäßig – müssen sie oft erst erlernen.“

 

Zahlen

Laut einem EU-Bericht aus 2013 wurden in Österreich im Zeitraum 2008-2010 207 Opfer von Menschenhandel identifiziert, davon 11 Kinder. In Österreich gibt es noch immer kein umfassendes Sicherheitskonzept für minderjährige Opfer von Menschenhandel.

 

Freiwilligkeit ist für sie im Bereich der Sexarbeit ein Fremdwort: „Diese Freiwilligkeit ist für mich ein Mythos, der nicht existiert. Denn wir müssen uns auch die Ursachen ansehen, die überhaupt erst dazu führen, dass sie in der Prostitution landen.“ Auch Sozialarbeiterin Anna K. weiß: „Es gibt einige die sagen, dass sie es freiwillig machen und das müssen wir natürlich akzeptieren. Wir unterstützen alle Frauen, die in der Prostitution arbeiten. Diese Freiwilligen gibt es aber in erster Linie im Edel-Bereich. Es gibt ja Studentinnen, die sich neben ihrem Studium prostituieren. Natürlich kann man von psychologischer Seite hinterfragen, welche Gründe das hat. Aber da wollen wir kein Urteil darüber fällen. Wir selbst haben Kontakt zu Personen, bei denen deutlich ist, dass wir es mit Zwang zu tun haben.“

Ob die Sexarbeiterinnen gut verdienen? „Nein. Alle Frauen sagen, dass die Geschäfte schlecht laufen. In den normalen Studios ist die Regel 50:50 – die Hälfte von dem, was du verdienst, gibst du dem Chef, oft plus Miete. In den Laufhäusern gibt es unglaubliche Mieten für das Zimmer, zwischen 300 und 500 Euro pro Woche. In den Nightclubs müssen sie trinken, Drogen nehmen etc. Die Zustände sind unfassbar“, so Anna K.

Immer mehr Vergewaltigungen

Ein Problem ist auch die steigende Gewalt. Eine junge Frau, die von Anna K. und ihrem Verein betreut wird, wurde kürzlich von einem Kunden vergewaltigt. Ihr Zuhälter hat ihr verboten, eine Anzeige gegen den Vergewaltiger zu machen. Vergewaltigung von Kunden kämen immer öfter vor, sagen die Expertinnen. Das sind Männer, die Sachen machen, die die Frauen nicht wollen oder die einen Freund dazu ziehen. „Wir haben momentan fünf Fälle von Vergewaltigungen und Übergriffen durch Kunden.“ Deren sexuelle Wünsche werden immer brutaler, so die Sozialarbeiterin. „Sie sind versaut durch Pornografie. Das hat mit normalem Geschlechtsverkehr nichts mehr zu tun.“

 

Um Opfer zu schützen, müssen dringend politische Maßnahmen her, fordern die VertreterInnen der Plattform gegen Ausbeutung und Menschenhandel. Die Strafrechtsexpertin Katharina Beclin weiß, wie das aussehen könnte: „Der Staat kann am effektivsten gegen Ausbeutung vorgehen, wenn er Menschen, die sich zu Recht in Österreich aufhalten, auch den Zugang zum Arbeitsmarkt öffnet und – vorweg, bis sie einen adäquaten Job gefunden haben – eine tatsächlich bedarfsorientierte Grundsicherung gewährt. Leider geht die politische Entwicklung derzeit in die entgegengesetzte Richtung.“ Evelyn Probst von der Interventionsstelle LEFÖ kritisiert: „Die aktuelle Fremdenrechtsnovelle bildet den Boden dafür, dass gerade Frauen, die zuerst nicht als Opfer anerkannt werden, dann auch noch dafür bestraft werden.“ Demnach sollen Menschen, die illegal einreisen oder sich illegal aufhalten, bis zu 15.000 Euro Strafe für diese Übertretung zahlen. Das wäre fatal für Opfer von Menschenhandel.

 

Ihr Fazit: „Der Staat leistet einen großen Beitrag dazu, dass Frauen ausgebeutet werden.“

 

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: wienerin.at; Text: Jelena Gučanin

 

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